
Familiengärten in der Schweiz – Ein Stück Geschichte, ein Stück Heimat
Mein Interesse an Schrebergärten hat Wurzeln in meiner Familiengeschichte. Mein Grossvater züchtete Hasen, um die Familie zu versorgen. Später riet mir der Vater eines Jugendfreundes, einen Garten anzulegen – als Vorsorge, falls es je wieder Krieg geben sollte. Darum habe ich heute selber einen Garten.
Durch die Freiwilligenarbeit in meiner Region lernte ich ältere Menschen kennen, die Hasen hielten, gärtnerten und in Kleintiervereinen aktiv waren. Sie erinnerten mich an eine Welt, die ich aus meiner eigenen Familie kannte. Mich begann zu interessieren, wie Männer damals Verantwortung übernahmen, ihre Freizeit gestalteten – und was davon in den Familiengärten geblieben ist.


Viele Arbeiterfamilien lebten in grosser Armut – Die Löhne reichten kaum für Nahrung, während die Stadt rasant wuchs.
Ursprung der Familiengärten (19./20. Jh.)
Die Schweizer Familiengärten, wie wir sie heute kennen, sind aus einer historischen Not entstanden. Sie waren eine direkte Antwort auf die harten Lebensbedingungen der industriellen Zeit: Viele Arbeiterfamilien lebten in grosser Armut, ihre Löhne reichten kaum für Nahrung, und die Städte wuchsen rasant. Besonders ungelernte Arbeiter und Gelegenheitsarbeiter hatten es schwer.
Erste Arbeitshütten & Soziale Integration (1913–1915)
Um die Not zu lindern, stellte die Stadt Zürich Randflächen für landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung. Arbeitslose Männer konnten hier Land bewirtschaften. Die ersten Arbeitshütten boten ihnen Beschäftigung und förderten die soziale Integration. Aus dem Verband Arbeitshütte entstand schliesslich der Verein für Familiengärten, der die Bewegung bis heute prägt. 1915 erhielten Arbeiterfamilien Land, das sie intensiv nutzen konnten. Statt auf finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein, förderten die Kleingärten die Selbstversorgung, eine gesunde Ernährung und den sozialen Zusammenhalt auf kleinstem Raum. Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Bedeutung: 1900 mussten Familien rund 54 % ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, heute sind es knapp 10 %.
Kleingärtner von heute: Aktuelle Herausforderungen
Familiengärten sind Heimat. Sie bewahren Werte, fördern Engagement und geben Raum für eine aktive, verantwortungsbewusste Gemeinschaft. Dennoch verschwinden immer mehr Areale zugunsten von Siedlungsdruck oder gemeinschaftlich verwalteten Flächen. Während die Parzellen heute unter Druck geraten, bleibt die Frage, wie wir dieses «Stück Heimat bewahren» und erzählbar machen.
Heute begegnen sich in den Gärten von Aarau und Rohr Menschen aus über 15 Nationen. Auf engem Raum treffen unterschiedlichste Kulturen und Lebensentwürfe aufeinander. Die Ortsbürgergemeinde sorgt dafür, dass der ursprüngliche Zweck erhalten bleibt: 60 % Anbau, 40 % Freizeit. Doch innerhalb dieser Grenzen entstehen höchst individuelle Welten. Die folgenden Bilder sind Spurensuche und Porträt zugleich: Sie erzählen von Genügsamkeit und der Sehnsucht nach einem Stück eigener Scholle.
Familiengärten zwischen Telli und Autobahn
Die Fotoserie zeigt Pächter verschiedener Generationen und Nationen bei der Nutzung der Schrebergärten.
Stimmen aus den Familiengärten
1. Artikel in einer Zeitschrift: Gallati, M. & Schiller, J. (2011). «Freizeit im Familiengarten. Zur regenerativen Funktion der Zürcher Kleingärten seit ihrer Gründung bis in die 1960er Jahre». Schweizerisches Archiv für Volkskunde (SVAk). Hier herunterladen.
2. Postulat: Gemeinderat Zürich (4. Oktober 2023). Hier runterladen.
Ihre eigene Geschichte gestalten?
Über die Menschen, die ihn pflegen, ihre Erinnerungen und die Welt, die sie sich darin schaffen. Mich interessiert, wie solche Geschichten sichtbar werden und was sie über die Menschen dahinter erzählen. Warum es so schwer ist, die eigene Geschichte zu erzählen, habe ich in diesem Artikel weitergedacht.


















